müller*****

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Utopisch denken bedeutet, das eigene Denken überschreiten: etwas für möglich halten, das aus den gegebenen Umständen heraus unmöglich scheint. In Zeiten eines persönlichen und politischen Skeptizismus gegenüber Zukunftsentwürfen versteht müller***** den Moment des Utopischen nicht als obsolet, sondern als eine Chance, die Zukunft wieder als gestaltbar zu begreifen.
 
Utopisches Denken wird von den Performern als politische Praxis begriffen, die mit einer persönlichen Positionierung beginnt und den eigenen Handlungsspielraum auslotet. müller***** beschäftigt sich in diesem Projekt mit dem Handlungsspielraum des Theaters: Kann der Theaterraum zu einem Ort werden, von dem ein Handlungsimpuls für Veränderungen ausgeht?
 
müller***** richtet ein Labor ein, in dem die PerformerInnen den Prozess des utopischen Denkens erforschen und praktizieren: Wie kann man das Jetzt anders- und umdenken? Was passiert, wenn man materielle und ideelle Räume auf die Probe stellt und neu konstruiert? Welche Voraussetzungen und Bedingungen sind notwendig, um Utopien zu entwerfen, aktiv für sie einzutreten und zu verwirklichen?
 
Dazu nehmen die PerformerInnen sich selbst und ihre Gegenwart auf den Prüfstand, arbeiten an einer eigenen Haltung für eine Zukunftsvision und denken live auf der Bühne anders und um. Im Moment der Aufführung kreieren sie durch ihre persönlichen Erzählungen utopische Gesellschaften. Wie könnte man zum Beispiel unser Demokratiemodell anders denken oder - im Kleinen - unseren Umgang mit alltäglichen Dingen?
 
Außerdem veranstaltet müller***** in Kooperation mit der taz eine Diskussionsrunde und eine Utopie-Werkstatt, um das Themenfeld der Utopie, das zuvor künstlerisch verhandelt wurde, in der Praxis zu überprüfen. Zu Gast bei der Diskussion sind die Publizistin und Kuratorin Adrienne Goehler, Karl Heinz Ruch, Geschäftsführer und Mitbegründer der taz Genossenschaft, und Matthias Heyden (Stadt Neu Denken). In der Werkstatt können Interessierte mit Gül Yavuz von der filmArche e.V., Anja Gerlich (Schokoladen e.V.) und mit Christian Schöningh (Die Zusammenarbeiter – Gesellschaft von Architekten mbH) an der Umsetzung ihrer eigenen utopischen Vorhaben arbeiten.

von und mit Corinne Maier / Veit Merkle / Elisa Müller / Frank Sievers
 
Konzept/ Dramaturgie Sarah Reimann  
 
Konzept/ Ausstattung Matthias Nebel
 
Konzept/ Leitung Elisa Müller
 
Produktionsleitung ehrliche Arbeit
 

Eine Koproduktion von müller***** mit den Sophiensælen Berlin und dem LICHTHOF Hamburg.
Gefördert von der Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten Berlin, aus Mitteln der Rudolf-Augstein-Stiftung und der Ilse und Dr. Horst Rusch-Stiftung.

In Koproduktion mit schloss bröllin e.V. gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

(c) Renata Chueire

„Das war vielleicht ein Schuss in den Ofen. Da stellen sich diese Künstler am Ende hin und tun so, als erwarteten sie, dass die Leute sich schnell aufraffen, die Welt zu verändern. Dabei hatte »Utopisch denken« geradezu gemütlich distanziert angefangen. Aber man kann diesen Theaterleuten eben nicht trauen. Klug inszeniert ist die Stunde in den Sophiensælen nach dem Konzept von Elisa Müller. (...)

Es sei Zeit, sagen sie, sich über die Zukunft Gedanken zu machen, und nutzen das Theater als Möglichkeitsraum. Aber nicht so viel Realität hereinlassen, wird gleich eingeworfen. Das würde ihn verstopfen. Also gehen die Meinungen flugs auseinander. (...)

Die Müller*****-Produktion spielt rasant mit Gedanken und Vorstellungen. Es reicht nicht, die Zustände zu beklagen, man muss die Welt interpretieren. Was wäre wenn. Thesen werden aufgestellt, Antithesen erfunden, man deklamiert und postuliert. Dies oder jenes müsste doch funktionieren. Oder nicht? (...)

Die Spielfläche lässt genügend Platz dafür. Außer den vier Schauspielern und ein paar Utensilien stehen ja nur die Haltungen im Raum. Man kann Dinge verändern, vieles in Frage stellen. Das ganze System. Oder erst einmal den Umgang mit Alltagsgegenständen. (...)

Na, kommt schon, was meint ihr? Die Utopisten suchten den Meinungsaustausch mit den Zuschauern. Siehe da, der Saal war voller Denker. Gemeinsam überlegte man, wie ein gesellschaftliches Modell für bedingungsloses Grundeinkommen aussehen könnte. Monatlich 3000 Euro für jeden. Utopisch schön. (...)

aus: „Stunde der Schwärmer“ von Lucía Tirado, in: Neues Deutschland, 28. Juni 2012

 

„Wir müssen etwas ändern!“, ruft der Mann dem Publikum zu. Sein Appell verhallt im Hochzeitssaal der Sophiensæle. Der Bühnenraum ist so hell ausgeleuchtet, dass es in die Augen sticht. (...) die SchauspielerInnen (...) fixieren die ZuschauerInnen, nicht unangenehm, aber doch eindringlich. (...)

Nach langem Schweigen tritt Elisa Müller vor mit dem Satz: „Ich finde, das geht so nicht.“ Es ginge nicht, dass die Öffentlichkeit neue Impulse abwehre. Sie nennt die Debatte über die Piraten-Partei, der vorgehalten würde, sie habe keine Inhalte, obwohl genau das deren Inhalt sei. „Ich finde, es geht nicht, dass im öffentlichen Diskurs immer gesagt wird: Es geht nicht.“ Die dritte Schauspielerin tritt vor. Corinne Maier stellt die Frage nach den Grenzen von politischer Bühnenkunst. Wenn sie nun eine explizit politische Meinung vertrete, werde dann die Bühne zur politischen Arena? „Nee“, antwortet Maier. „Ich ernte keinen Widerstand, sondern höchstens ein zustimmendes Nicken.“ (...)

Doch ist Utopie nur eine tagträumerische Fantasie? Hier stößt das Theater an seine Grenzen. „Das Theater ändert das System nicht“, sagt Veit Merkle. Und noch einmal: „Hier wird nichts geändert!“ Trotzdem könne die Bühne ein Möglichkeitsraum werden, in dem widerstreitende Positionen verhandelt würden. Die SchauspielerInnen reden darüber, wie das Gesprochene Konsequenzen haben kann. (...)

Dann wieder ein Schnitt. „Gleichzeitig ist klar, dass wir das nicht machen werden“, fällt Sievers in seine Rolle zurück. „Muss ich jetzt aktiv werden?“, fragt er. „Jawohl!“ – „Ja!“ – „Wir alle!“, muckt das Publikum auf. Dann ist das Stück zu Ende. (...)

aus: „Im Möglichkeitsraum“ von Sonja Vogel, in: taz Berlin, 26.Juni 2012